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Joseph Ratzinger -
weltgewandt und diskussionsfreudig

 

Im Wiener Studienhaus Johannes von Damaskus wurde vom 23. bis 28 April dieses Jahres erneut eine Ratzinger-Studienwoche veranstaltet, die von der Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.-Stiftung großzügig gefördert wurde.

Die neue Biographie von Peter Seewald ist für die Kritiker Joseph Ratzingers wieder einmal Anlass, reflexartig und eigenwillig monoton-konservativ mit dem Finger auf ihn zu zeigen.

Gerade in dieser Reaktion zeigt sich, wie Recht der emeritierte Papst hat. Denn weder die enorme Leistung des Autors Peter Seewald, der sich über Jahre hinweg intensiv und mit großer Hingabe diesem Projekt gewidmet hat, wird auch nur ansatzweise gewürdigt, noch versucht man seitens der Rezensenten, die außergewöhnliche Lebensleistung von Joseph Ratzinger in all seinen unterschiedlichen Diensten für das Evangelium, die Kirche, die Theologie und die Menschen zu verstehen und objektiv zu deuten. Als Verantwortlicher für die "Joseph Ratzinger Gesammelten Schriften" entpuppt sich in allen Texten und Begegnungen der "Panzerkardinal" als weltläufiger, offener, jeder Diskussion sich stellender Mensch, dessen einzige Intention in seinem Wirken die innere Verbindung von Glaube und Vernunft herauszustellen war und sie neu in der jeweiligen Zeit zu verdeutlichen. Deshalb war sein Engagement im Vorfeld des Konzils, während der Beratungen in Rom und in der flankierenden Vermittlung und nachfolgenden intensiven Rezeption eines der bedeutendsten innerhalb der theologischen und kirchlichen Wirklichkeit. All dies könnte man in Band 7 der Gesamtausgabe dezidiert nachlesen - wenn man die Fähigkeit besäße, sich auf eine objektiv-wissenschaftliche Ebene einzulassen.

Seine letzte Ansprache als amtierender Papst galt dem Konzil. Das erschien mir als programmatische Ansage, dass dem Konzil auch heute immer noch die Aufmerksamkeit geschenkt werden soll, die nötig ist, um Kirche der Zukunft zu gestalten. Das bedeutet aber, sich der Texte anzunehmen, die Genese einzelner Dokumente zu verfolgen, um deren Tragweite und inhaltliche Dimension zu verstehen. Darin besteht genau das von Johannes XXIII. eingeforderte "aggiornamento", das nicht bedeutet, den Glauben an eine menschlich-konstruierte säkulare Gesellschaft (die schon lange nicht mehr von der Kirche gestaltet wird in unserer Sphäre) anzupassen, sondern vielmehr, dass sich die Kontinuität der Kirche, die von den Quellen Offenbarung, Schrift, Tradition ausgeht, immer neu in die Aktualität der Welt hinein sich ausdrücken muss. Worte finden für eine verstehbare Verkündigung heute. Auch das ist keinem besser gelungen, als Joseph Ratzinger, der in Lehre und Verkündigung - ohne dabei eine Trennung vorzunehmen - sich an den jeweiligen Adressaten orientiert hat. Dass man all dies nicht zur Kenntnis nehmen will/kann, zeigt auf der Negativfolie eines ganz deutlich: Dass der emeritierte Papst mit seiner Analyse schon vorher Recht hatte. Erstaunlich ist darüber hinaus die unkritische Hinnahme interessanter Details des Agierens der Kritiker Ratzingers gegen ihn. Ist der Feind bestimmt, ist wohl alles erlaubt. Und an manchem Denkmal darf man unter keinen Umständen rütteln.

Seewalds Werk ist ein gelungenes Beispiel für eine Biographie, die eine Persönlichkeit in den Kontext ihrer Zeit stellt. Wie stark sich Ratzinger mit den Ideen, Gefahren, Philosophien, mit der Literatur und den Künsten, den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigt und sie kritisch begleitet hat, wird nur in dieser Weise zu einem Gesamtgemälde einer Person in ihrer Zeit. In einer Biographie geht es nicht darum, den Terminkalender zu kopieren, sondern Einflüsse, Lektüre und Interessen einer Person zu erfassen - bei einer Persönlichkeit wie Benedikt XVI. wird diese Schau zu einer Retrospektive eines ganzen Jahrhunderts, in dem gerade er mit-gearbeitet und mit-gedacht hat. Die Geschichte wird zeigen, dass Benedikt XVI. dieses Jahrhundert in Kirche und Welt auch wesentlich mit-gestaltet hat.

Quelle: Christian Schaller

     
     
     

 

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