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Prof. Dr. Jean-Luc Marion

Jean-Luc Marion, geb. 1946, war Professor für Philosophie an der Sorbonne (Paris IV) und ist Professor für Religionsphilosophie und Theologie an der University of Chicago. 2008 wurde er mit dem Karl-Jaspers-Preis ausgezeichnet und als Mitglied in die Académie française gewählt. Marion gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Philosophen Frankreichs. Sein Werk hat schon jetzt den Status eines Klassikers.

Marion geht es in seinem Denken um die Auseinandersetzung mit einem neuzeitlichen Begriff von Erkenntnis und Metaphysik, dessen vermeintliche Fundamente auf kapitalen Unsicherheiten gründen. Er setzte sich mit einem modernen Konzept von Subjektivität, das dessen Verwundetheit und Angewiesenheit ausblendet, auseinander und hat zur Entfaltung einer phänomenologischen Methode beigetragen, der es gelingt, „gesättigte Phänomene“ zu Gesicht zu bekommen, eine Philosophie der Gabe zu entwickeln und ein Gott-Denken zu entwerfen, das sich vor jeder (begrifflichen) Idolatrie zu hüten versucht.

In seinen Regensburger Vorlesungen setzt Marion sich mit einem Offenbarungskonzept auseinander, das sich als Aufrichtung aus dem, was der bloßen Vernunft unmöglich, weil unerreichbar scheinen muss, versteht..

ÖFFENTLICHE VORLESUNGEN

Das Erscheinen des Unsichtbaren
Fragen zur Phänomenalität der Offenbarung

Das Vorrecht einer Anfrage an ein Theologumenon

Mi 13. Juni, 16 c.t. bis 18 Uhr, H 6

Das Vorrecht eines Begriffs von Offenbarung

Do 14. Juni, 16 c.t. bis 18 Uhr, H 9

Thomas von Aquin und die erkenntnistheoretische Interpretation von Offenbarung

Fr 15. Juni, 16 c.t. bis 18 Uhr, H 4

Das Erscheinen des Unsichtbaren: Feststellung und Entdeckung

Mo 18. Juni, 16 c.t. bis 18 Uhr, Großer Sitzungssaal PT 3.0.79

Offenbarung vernehmen: Eine andere Logik und ihre Bestimmung

Di 19. Juni, 16 c.t. bis 18 Uhr, H 3

Festvortrag

Unsere einzige Erde be-wohnen: Zur Metaphysik der ökologischen Krise

Mi 20. Juni, 16.15 bis 17.15 Uhr, H 24

Programm und Vita als Download:

Gastprofessur in Regensburg

Errichtung der Gastprofessur 2010
Sommersemester 2013
Sommersemester 2014
Sommersemester 2015
Sommersemester 2017

Die Bände der Gastprofessur


Boespflug, François
Der Gott der Maler und Bildhauer

Die Inkarnation des Unsichtbaren

Verlag Herder, 2013
Mit über 30 s/w-Abb.
Format: 13,5 x 21,5 cm, 248 Seiten, Kartoniert

ISBN 978-3-451-34149-6 29,99 EUR [D]

Laux, Bernhard  (Hrsg.) Heiligkeit und Menschenwürde

Hans Joas' neue Genealogie der Menschenrechte im theologischen Gespräch

Verlag Herder, 2013
Format: 13,5 x 21,5 cm 224 Seiten, kartoniert
ISBN 978-3-451-34148-9
22,00 EUR [D]

Günter Stemberger
Mose in der rabbinischen Tradition

Eine kritische Gesamtschau des rabbinischen Mose

Verlag Herder, 2016
ISBN: 978-3-451-34055-0
29,99 EUR

Angelika Neuwirth
Die koranische Verzauberung der Welt und ihre Entzauberung in der Geschichte

Erforschung der östlichen und westlichen Koranbilder

Verlag Herder, 2017
ISBN: 978-3-451-34972-0
30,00 EUR

 

 

 

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.-Gastprofessur • Fakultät für Katholische Theologie der Universität Regensburg • 13. bis 20. Juni 2018

 
   
 


FESTVORTRAG
: Unsere einzige Erde be-wohnen: Zur Metaphysik der ökologischen Krise.
Fotos:

 
 

Der französische Philosoph Jean-Luc Marion, ehemaliger Professor an der Pariser Sorbonne und Mitglied der berühmten Académie francaise, hielt im Rahmen der Gastprofessur 2018 an der Fakultät für Theologie der Universität Regensburg eine Vorlesungsreihe zum Thema „Das Erscheinen des Unsichtbaren. Fragen zur Phänomenalität der Offenbarung“.

Der folgende Bericht von Prof. Dr. Thomas Schärtl-Trendel, Inhaber des Lehrstuhls für philosophische Grundfragen der Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Regensburg, kann zugleich als kompakte Einführung in das Denken Marions gelesen werden.

Die Vorlesungsreihe wird im Herbst 2018 als Publikation unter dem Titel „Jean-Luc Marion, das Erscheinen des Unsichtbaren" im Verlag Herder / Freiburg i. Br. erscheinen.
 

 

EINFÜHRUNG

Jean-Luc Marion: Das Erscheinen des Unsichtbaren

Es ist ein seltener Glanz und eine ganz außergewöhnliche Gelegenheit, im Rahmen der Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.-Gastprofessur einen Gelehrten zu Gast zu haben, der schon jetzt mit Sicherheit einen festen Platz in den Philosophiegeschichtebüchern hat. Jean-Luc Marion gehört mit Fug und Recht zu jenen Exponenten, die eine dritte, ausgesprochen innovative und lebendige Phase der phänomenologischen Philosophie eingeleitet haben und die auf ihre Weise eine motivierende Korrektur und ein Weiterdenken der von Edmund Husserl stammenden, von Martin Heidegger angereicherten, von Maurice Merleau-Ponty verfeinerten und von Emmanuel Levinas neu justierten Tradition ermöglichten.

I.

Der Phänomenologie geht es in ihrem genuinen Anliegen um eine Ursprünglichkeit der Anschauung, die die Objektivität des sich zeigenden Phänomens dadurch sichert, dass sie alle unsere Vormeinungen und Einstellungen zunächst suspendiert und so den Raum schafft, in dem das Phänomen sich von sich aus zeigen kann. Jean-Luc Marion hat in seinen Arbeiten zu Husserl und Heidegger aufgewiesen, dass bei Husserl die Gefahr besteht, das In-Erscheinung-Treten der Phänomene in einer gewissermaßen zu dünnen Weise lediglich auf ein Gegenstandskonstitutionsverhältnis zulaufen zu lassen. Bei Heidegger wiederum drohe die Gefahr, das Phänomen in einem existentialontologischen Überschwang des dem um Verstehen ringenden Dasein eigenen Gestimmtseins und der Befindlichkeit zu überformen. Im einen Fall bleibt die jeweilige, eigentliche Bedeutung des Phänomens unterbestimmt, im anderen Fall wird sie möglicherweise überbestimmt. Der Eigenart des sich zeigenden Phänomens werden wir, so Marion, im Kern daher nur gerecht, wenn wir sozusagen hartnäckig davon ausgehen, dass sich im Phänomen ein Anspruch meldet, der sich weder ganz mit der Gegenstandskategorien schaffende Kraft des Subjekts und seiner Vernunft noch mit den Deutemustern eines in der Zeit um sich selbst besorgten Daseins verrechnen lässt. Vor diesem Hintergrund kann Marion sagen, dass das eigentliche Phänomen (in Hinsicht auf den in ihm sich meldenden Anspruch und der Wirkung dieses Anspruches auf uns) über das Sein hinausgeht.

Der denkerische Durchbruch zu einer neuen Gestalt der Phänomenologie, die darzulegen versucht, dass des Sichzeigen des Phänomens nicht noch einmal von der Bedeutung des Phänomens abgekoppelt werden darf – weil eben diese Abkoppelbarkeit einschlösse, dass das Phänomen verzeichnet wird (sodass dann die Anschauung des Phänomens gerade die Objektivität und Ursprünglichkeit dessen, was sich zeigt, nicht mehr erreichen kann) ­–, gelingt Jean-Luc Marion dank der Einsicht, dass es zu einer gewissermaßen unhintergehbaren Eigenart des Phänomens gehört, dass es sich gibt. Im Gegebenheitscharakter selbst wird die hoch problematische, aber in Husserls und Heideggers Ansatz immer noch als Gefahr gegebene Diastase von Sich-Zeigen und Deutung unterlaufen, weil das Phänomen im Sich-Geben einen Anspruchscharakter hat, demgegenüber das vernehmende Subjekt eine prinzipiell immer schon empfangende, antwortende Rolle einnimmt. Mit dem Gegebenheitsmoment holt Marion die Ereignishaftigkeit des Phänomens ein, dessen innerster Sinn darin besteht, dass etwas zum Vorschein kommt, dass etwas sichtbar wird.

II.

Jean-Luc Marion liefert mit dieser Weiterentwicklung der Phänomenologie aber nicht nur ein Therapeutikum, um die möglichen Verkrümmungen in den Ansätzen von Husserl und Heidegger auszuheilen. Er schafft in seinen subtilen Analysen zu den verschiedenen Arten von Phänomenen zudem eine konzeptionelle Orientierung, der es gelingt, in Hinsicht auf unserem Umgang mit dem Phänomen über ein – wie Garry Gutting formulierte – allzu vereinfachendes Intentionsausgriffs- und Erfüllungsschema, das seine von Kant ererbte Montur nur schwer verbergen kann, hinauszugelangen. In diesem, durchaus noch Husserl zuzuschreibenden Schema entsteht die Klarheit evidenter Einsicht vornehmlich dadurch, dass ein Phänomen eine, in unseren unserem begrifflichen Ausgreifen kondensierten Intention gewissermaßen vollständig erfüllt. Marion stellt diesem Schema jedoch Phänomene gegenüber, die unsere Intention gewissermaßen aufsprengen oder sich ihr angesichts der ihnen anhaftenden Fülle entziehen. Für anschauungsarme Phänomene (wie die Gegenstände der Mathematik) oder für gewöhnliche Phänomene (wie die Gegenstände der Wissenschaften) mag das genannte Schema in Anwendung bleiben. Aber daneben finden sich eben auch jene intentions-disruptiven Phänomene, die Marion als gesättigte Phänomene bezeichnete und denen, wie bereits angedeutet, eine für unsere Intentionen gewissermaßen gegenläufige Kraft eigen ist, weil in ihnen etwas zur Gegebenheit kommt, das – so kann man sagen – mit einem Index der Unbedingtheit, der Absolutheit und der Unergründlichkeit ausgestattet ist, ja weil es den in unserem begrifflichen Ausgreifen verpackten Erwartungen sogar unerträglich vorkommt. Jean-Luc Marion hat in einer geduldigen und kreativen Auseinandersetzung mit Emmanuel Levinas, Jacques Derrida, Michel Henry und Paul Ricœur vier „Kategorien“ gesättigter Phänomen aufgespürt: erstens das Antlitz des Anderen, zweitens das uns in seiner Bedeutungsfülle blendende Bildnis (wie es vor allem als Kunstwerk in Erscheinung tritt), drittens das Fleisch unserer leiblichen Verfasstheit und viertens das in seinem Auftreten unvordenkliche historisch-epochale Ereignis. Diese vier ‚Kategorien‘ wurden von Marion auch in konstruktiv-kritischer Absetzung von Immanuel Kants Verstandesstrukturierung des Anschauungs- und Erfahrungsbereiches entwickelt. Kants Emphase der Synthesiskraft von Vernunft und Verstand, sein Verweis auf die Zurüstung des Anschauungsgegenstandes durch die Analogien der Erfahrung und der Antizi-pationen der Wahrnehmung, welcher stillschweigend ein gewissermaßen immer schon geschmeidiges und domestiziertes Phänomen voraussetzt, das sich sozusagen willig der Zurüstungsaufgabe der Vernunft unterwirft, wird von Jean-Luc Marion mit dem Kon-zept der gesättigten Phänomene massiv in Frage gestellt. Das gesättigte Phänomen bricht nämlich aus diesem kantischen Käfig aus, weil es der verallgemeinernden Synthesis eine genuine Einzigartigkeit, den Analogien der Erfahrung eine Unergründlichkeit und den Antizipationen der Wahrnehmung eine Unvordenklichkeit entgegenhält.

Schon auf dieser Ebene des weiterentwickelten phänomenologischen Ansatzes deutet sich an, dass das, was wir theologisch „Offenbarung“ nennen, letztlich nur als Steigerung, Intensivierung und Überkreuzung der genannten Kategorien gesättigter Phänomene verstanden werden kann. Und es ist daher auch folgerichtig, wenn Jean-Luc Ma-rion aus genuin philosophischen Gründen die Christusgestalt als Inbegriff dieser Steigerung des gesättigten Phänomens betrachtet. Er plausibilisiert damit – und daraus ergibt sich ein erster Brückenschlag zum Anliegen unserer Gastprofessur – auf der Basis einer eigenformatigen philosophischen Methode eine Grundintuition Joseph Ratzingers, die besagt, dass der nach Halt und Erkenntnis suchenden und um ihre Zerbrechlichkeit wissenden Vernunft Christus selbst als innerer Lehrer und Inbegriff der Wahrheit er-scheinen wird. Diese, von Augustinus her inspirierte Verknüpfung ist aber gerade dann nicht ad hoc oder unausgewiesenermaßen unterstellten theologischen Prämissen geschuldet, wenn sich zeigen lässt, wie sich unserem in Anschauung sich ergehenden Begreifen eine ursprüngliche Normativität erschließt, die in ihrer Eigentümlichkeit gerade nicht mehr auf das Konto der von uns selbst und im Eigenstand vollbrachten konzeptionellen Konstruktionen verbucht werden kann. Jean-Luc Marion legt dar, dass schon in der Eröffnetheit unseres Anschauens für das sich gebende Phänomen eben diese Berührung eines normativen Anspruchs, dieses Sichtbarwerden der Wahrheit immer schon angelegt ist.

III.

Die von mir kurz angedeutete Konsonanz von Joseph Ratzingers theologischen Anliegen mit dem denkerischen Impetus von Jean-Luc Marion hat aber noch eine weitere Ebene: Joseph Ratzinger wurde als Theologe, Bischof, Kardinal und Papst nicht müde, auf den durch und durch prekären Status eines neuzeitlich um sich selbst besorgten, auf sich selbst zurückfallenden, seiner ontologisch-kategorialen wie ethischen Selbstgesetzgebung ausgelieferten (menschlichen) Subjekts hinzuweisen. Marion gelingt es, in einer Abstoßbewegung von Kant und der neuzeitlich-idealistischen Subjekttheorie und in einer bemerkenswerten Aneignung der Anthropologie und Selbstbewusstseinstheorie Augustins ein mögliches solipsistisches Verhängnis des in seiner Autonomie schier schrankenlosen transzendentalen Subjekts ans Licht zu bringen – eines Subjekts, dessen ontologischer Status trotz seiner scheinbaren Mächtigkeit (ihm wird bei Kant und noch bei Husserl der Ursprung aller Gegenstandskonstitution angesonnen) im Letzten doch fragwürdig, ja sogar unterbestimmt bleibt. Marion nimmt hier zunächst den Faden Heideggers auf, der eine angemessenen Beschreibung der Wirkweise dieses transzendentalen Subjekts in der Form einer sich phänomenologisch darlegenden Selbigkeit und Jemeinigkeit anbietet; aber Marion sieht in diesem denkerischen Angebot eine sich wiederholende Problematik: nämlich nur eine Verlängerung der solipsistischen Gefährdetheit. Der Ausweg gelingt nur – und hier kommt der von Joseph Ratzinger ebenso wie von Jean-Luc Marion geschätzte Augustinus erneut ins Spiel ­–, wenn die Eigenart des Subjektseins sozusagen weder im Nominativ einer selbstgesetzgeberischen Mächtigkeit noch im Genetiv eines formalen Ich-Indexicals, sondern vielmehr im Dativ einer angerufenen und responsorischen Verfasstheit begriffen wird: Im Mir-zur-Gegebenheit-Kommen zeigt sich die eigentümliche Verfasstheit des epistemisch begabten, nach Wahrheit suchenden und um Klarheit ringenden, die Gegenstände ‚konstituierenden‘ Subjekts. Marion spürt damit in bemerkenswerter Weise auch ein Element auf, nach dem in der gegenwärtigen analytischen Selbstbewusstseinstheorie immer noch händeringend gesucht wird: die Verbindung der berühmten Ersten-Person-Perspektive mit der unsere Eröffnetheit auf den Anderen und unsere Empathie begründenden so genannten Zweiten-Person-Perspektive.

Jean-Luc Marions Überlegungen zum Phänomen der Offenbarung speisen sich aus allen diesen, von mir nur skizzenhaft angedeuteten Quellen und Vorüberlegungen. In ihnen bündelt sich auch ein bemerkenswerter, originärer und inspirierender Denkweg. Wir begegnen in seinen Vorlesungen einem Ansatz, der uns im besten Sinne des Wortes auch pro-vozieren wird, weil er uns auch zur Umkehr in der einen oder andere theologischen Denkungsart zwingen kann. Marions Befassung mit der Gottesfrage trägt bewusst die Züge einer mystischen Theologie, die sich nicht scheut, mit dem Gott der Philosophen, genauer: dem Gott der Metaphysik ins Gericht zu gehen. Die aristotelisch-scholastische Metaphysik muss sich von Marion einen Vorwurf gefallen lassen, den schon Heidegger andeutete: dass sie Gott nur in gleichsam mechanischen Verstandeskategorien zu erfassen sucht und damit der Verdinglichungsgefahr keine Gegenwehr zu leisten vermag. Marions Ansatz bleibt aber nicht bei einer nur negativen Form von Theologie stehen, sondern weist einen alternativen Weg: den des nicht-begrifflichen, sich-verdankenden (als Doxologie artikulierenden) Sprechens von Gott, den des nicht-charakterisierenden und nicht in die Präsenz zwingenden, sondern sich im Angerufensein ankündigenden Bezugnehmens.

Der von mir schon erwähnte, amerikanische Gelehrte Garry Gutting markierte für die französische Philosophie seit den 1960-er Jahren zwei grundlegende Paradigmen: eine Philosophie der Erfahrung (im weiteren Sinne) auf der einen Seite, die sich exemplarisch mit Maurice Merleau-Ponty identifizieren lässt, und eine Philosophie des Exerzitiums prekärer Imagination, die sich ebenfalls exemplarisch mit Jacques Derrida verbinden ließe, auf der anderen Seite. Gutting beschreibt Jean-Luc Marion als einen Denker, der meisterhaft zwischen beiden Paradigmen zu balancieren weiß.

IV.

In der Vorlesungsreihe „Das Erscheinen des Unsichtbaren“ hat sich Prof. Jean-Luc Marion dem Phänomen Offenbarung genähert und durch seine Analyse gesättigter Phänomene jene Überschuss- und Überfließenseigenart herausgearbeitet, die für Offenbarungsereignisse kennzeichnend ist. Jean-Luc Marion hat dabei die für die Offenbarung relevante Logik der Liebe und Signatur des Bezeugens einer Vernunft- und Begriffslogik gegenübergestellt, die immer wieder der Versuchung erliegt, gesättigte Phänomene als gewöhnliche Phänomene zu behandeln, dabei in ein begriffliches Raster einzusperren, zu verkürzen und in einem pejorativen Sinn zu verdinglichen.

Von Marion selbst stammt ein sprechender Vergleich: Stellen Sie ein Bild von Wassily Kandinsky (etwa: Komposition VIII) einem Gemälde naturalistischer Malerei (etwa Max Liebermanns Die Gänse­rupferinnen) gegenüber. Die Farbflächen des Kandinsky-Gemäldes haben sich von den Linien so emanzipiert, das sie sich nicht mehr zu einem Gegenstand zusammenfügen. Und dennoch zeigt sich uns etwas, bringt sich uns etwas zur Gegebenheit, wenn wir die durch das Bild vermittelten Farbeindrücke als phänomenale Qualitäten erfahren. Der Phänomenologe, der die Überschuss-Eigenart der gesättigten Phänomene anerkennt, ähnelt dem Schöpfer bzw. Betrachter des Kandinsky-Bildes, wohingegen der Erkenntnismetaphysiker in der Spur Kants einem naturalistischen Maler gleicht, der mit großer Anstrengung ein feinporiges Bild der sich entbergenden Realität einzufangen versucht, aber dabei kein Instrumentarium hat für das, was sich – wie die Offenbarung – schockartig und überwältigender Weise als Enthüllung zeigt, die sich gleichzeitig angesichts ihrer Unbegrifflichkeit wieder verhüllt.

Obwohl das Thema des Actus-Vortrags „Unsere einzige Erde bewohnen“ zunächst einen ganz anderen Fragekreis zu betreffen scheint, ist es bei näherem Hinsehen mit der Vorlesungsreihe inhaltlich aufs engste verzahnt: Unsere subjektive Vernunftausstattung, die Phänomene in einen begrifflichen Rahmen zu stellen und dadurch Gegenstände zu konstituieren versucht, stellt gewissermaßen die dunkle Rückseite dar, welche das Problemfeld der religiösen Offenbarung mit den Fragestellungen der ökologischen Krise verbindet.

Es ist nämlich ein- und dieselbe gegenstandstheoretische Versuchung, die im einen Fall gesättigte Phänomene auf die Ebene gewöhnlicher Phänomene zu drücken tendiert und die im anderen Fall Phänomene zu Gegenständen macht, die nicht nur ver-objektiviert, sondern auch der Nutz- und Verfügbarkeit zugerüstet werden. Jean-Luc Marion reiht sich mit seiner metaphysikkritischen Analyse der ökologischen Krise in die Reihe jener Mahner ein, die wie Heidegger im Namen eines tieferen und angemesseneren Phänomens- und Seinsverständnisses einen anderen Umgang mit dem, was uns umgibt, was sich uns darbietet, aber eben nicht in unserer alleinigen Verfügung ist.

Prof. Dr. Thomas Schärtl-Trendel
Lehrstuhl für Philosophische Grundfragen der Theologie
Fakultät für Katholische Theologie


 
   
   

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