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Prof. Dr. Karl-Heinz Menke ist Lehrstuhlinhaber für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn

 

Vortrag II
DAS KREUZ ALS MITTE DER GESCHICHTE oder: WAS CHRISTUS FÜR ALLE MENSCHEN ALLER ZEITEN GETAN HAT

Es ist kein Zufall, dass Karl Barth, Rudolf Bultmann und Christian Danz, aber auch die katholischen Theologen Peter Knauer, Hans-Joachim Höhn und Klaus von Stosch das Wort 'Sühne' meiden. Ganz im Gegensatz zu protestantischen Theologen wie Peter Stuhlmacher, Martin Hengel und Bernd Janowski, oder katholischen Theologen wie Hans Urs von Balthasar, Henri de Lubac und Joseph Ratzinger. Denn von Sühne kann man sinnvollerweise nur unter der Voraussetzung sprechen, dass der Schöpfer sich selbst dazu bestimmt hat, sich so von dem mit Bewusstsein und freiem Willen ausgestatteten Geschöpf bestimmen zu lassen, dass er die Sünde nicht im Vorhinein verhindern oder im Nachhinein annihilieren kann.

1.  "Nondum considerasti quanti ponderis sit peccatum."1

Wäre Sünde nur ein vertikales Nein zu Gott, dann könnte Gott allein – "sola gratia" – für die Umkehrung des Nein in ein Ja sorgen. Aber Sünde geschieht in Raum und Zeit; sie ist niemals nur  Relation zu Gott, sondern stets auch Relation zu anderen Menschen und deshalb eine Wirklichkeit in Raum und Zeit; eine objektive (geschichtliche) Wirklichkeit. Der Mensch kann im Unterschied zu Gott nichts erschaffen – von einer Ausnahme abgesehen: Er kann die Wirklichkeit erschaffen, die Gott nicht will; eine Wirklichkeit, die – anthropomorph gesprochen – von Gott gehasst wird, nämlich die Sünde. Man muss nicht gleich an die geradezu monströsen Vergehen einzelner Menschen wie Adolf Hitler, Idi Amin oder Pol Pot denken; es genügt, sich die Folgen der Verleumdung zum Beispiel eines unschuldigen Menschen auszumalen; oder die Folgen einer aus Eifersucht und Neid erfolgten Lüge, um zu erkennen: Sünde schafft Wirklichkeit, die Gott nicht will und die dennoch so real ist wie ein Geschöpf Gottes auch. Und jede vermeidbare Schuld ist Sünde. Der Mensch schafft Fakten, wo immer er etwas schuldig bleibt, – keineswegs nur dann, wenn er den Nächsten beleidigt, belügt, schädigt oder tötet, sondern auch dann, wenn er ihm nicht gerecht wird aus Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit oder Beqemlichkeit. Denn der Schöpfer hat seinen Willen, seine Tora, so in das transzendentale Bewussstsein (theologisch: Gewissen) jedes Menschen gepflanzt, dass man mit Kant von einem unbedingten Sollen der theoretischen und praktischen Vernunft sprechen kann 2. Das Hören dieses unbedingten Sollens kann gefördert oder bis zur Taubheit behindert werden. Aber weil jedes 'Ich', das um sich selber weiß, zugleich weiß, dass es dem Nicht-Ich gerecht werden soll, bedarf es nicht der Identifikation dieses Sollens mit dem Willen Gottes, um sündigen zu können. Wer gegen das ihm immer schon eingestiftete Sollen handelt, handelt auch gegen Gottes Willen – selbst dann, wenn er nicht an Gott glaubt. Gemessen am Grad seiner faktischen Selbstbestimmung ist jeder Mensch verantwortlich für das, was er denkt, unterlässt, sagt  oder tut.

Das Ungeheuerliche an der Wirklichkeit, die der Sünder durch seine Sünde schafft, ist, dass Gott sie nicht beseitigen kann 3 – es sei denn, er würde die Freiheit revozieren, die er seiner Schöpfung ermöglicht. Wenn Gott das, was meine Sünde anrichtet – z. B. das Leiden des Verleumdeten, z. B. den Hass der betrogenen Ehefrau, z. B. die psychische Krankheit im Gefolge verweigerter Liebe – annihilieren würde, dann wäre die besagte Freiheit bzw. Verantwortung des Sünders nur ein Schein. Denn das, was der Einzelne tut oder unterlässt, hätte keinerlei Relevanz.

Die schon von Marcion bevorzugte Anklage des Schöpfers statt des Sünders hat neuerdings Hochkonjunktur 4. Der Schöpfer – so lautet die entsprechende Begründung  -  muss doch gewusst haben, worauf er sich mit einer so fragilen Schöpfung einlässt. Warum die Jahrmilliarden der Evolution bis zur Hervorbringung des Menschen aus einer mit Behinderungen und Versuchungen gespickten Erde. Ottmar Fuchs bemerkt in seinem jüngst erschienenen Bestseller: Dieser Schöpfer kann "uns nicht mit einer Sinnantwort kommen, dass alles einen notwendigen Sinn gehabt habe. Was soll das nur für ein Sinn sein, dem so viel an Leid zu opfern war? Was soll das für eine Notwendigkeit sein, die  die Not nicht gewendet hat? Nein, mit einer solchen Sinnantwort, mit der er selbst 'aus dem Schneider' wäre und auch relativ unbeteiligt sein könnte (weil ja alles einen Sinn hätte), kann Gott bei den leidenden Menschen keine Glaubwürdigkeit erringen. Im Gericht wird Gott gewissermaßen um das Vertrauen aller Menschen kämpfen müssen."5

Wenn man Fuchs nach seiner eigenen Antwort auf die Vereinbarkeit der Fakten des Leids mit dem Gott der Heiligen Schrift fragt, erhält man die Antwort: Sofern man glauben kann, dass der Schöpfer so Mensch werden konnte, dass er, ohne aufzuhören Gott zu sein, selbst die Folgen verunglückter Evolution und pervertierter Freiheit durchlitten hat, dann ist er glaubwürdig; dann kann er zwar auch nicht erklären, warum das ganze Leid Sinn hat oder hatte; aber er ist glaubwürdig6.     

Einmal abgesehen davon, ob ein vom Leid erdrückter Mensch glauben kann, dass der Mensch gewordene Gott wie er selbst leidet, - was nutzt ihm dieser Glaube? Was nutzt es ihm, dass der Urheber aller Wirklichkeit genauso wie er leidet? Und warum ist ein Gott glaubwürdig, der den Leidenden statt einer Antwort auf die Sinnfrage sein Mit-Leiden anbietet?   ...

 

© Prof. Dr. Karl-Heinz Menke

 

1 Anselm von Canterbury, Cur Deus homo. Warum Gott Mensch geworden ist, lat.-deutsch hg. v. Franz Seraph Schmitt, Darmstadt 31970, § 21..

2 "Wird das ganze Ausmaß des menschlichen Verfallenseins an die Sünde erst in Christus offenbar, so sind es andererseits doch davon unabhängige Instanzen, die schon von sich her die Menschen schuldig sprechen: das Gesetz, das seine Übertreter anklagt (Röm 3,19; 5,13), und das Gewissen (Röm 2,15) bzw. die Vernunft (Röm 1,20; vgl. 7,23), durch welche die Heiden mit dem Anspruch des Schöpfers konfrontiert werden." (Michael Theobald, Sünde. 2. Neues Testament, in: LThK IX [Freiburg 2000] 1120-1123; 1122).

3 Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hat in seiner 1809 verfassten Abhandlung "Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände" (Ausgewählte Werke. Schriften von 1806-1813, Darmstadt[WBG-Nachdruck] 1990,275-360)  jede neuplatonisch oder spinozistisch gefärbte Beantwortung der Frage nach dem Ursprung des Bösen abgewiesen. "Es macht gerade die Pointe der schellingschen Konzeption aus, dass das Böse, ohne dass Güte, Allmacht und Verstehbarkeit Gottes in irgendeiner Weise geschmälert werden müssten, hier nicht im Sinne der 'privatio boni'-Lehre als ein Seinsmangel gedacht wird, sondern dass er 'aus der Fülle eines Seienden, nämlich aus dem Geist des Menschen, entspringt und somit weniger Anzeichen eines mangelhaften Vernunftgebrauchs ist als vielmehr gerade die 'zur Geistigkeit erhobene Selbstheit' als äußerste und zugleich verheerendste Möglichkeit menschlicher Freiheit bezeichnet." (Philipp Höfele, Vergebung für die Täter? Überlegungen zur intersubjektiven Dimension des eschatologischen Gerichts, in: ThPh 85 (2010) 242-260; 250f).  

4 Ottmar Fuchs (Der zerrissene Gott. Das trinitarische Gottesbild in den Brüchen der Welt, Mainz 2014) und Magnus Striet ((In der Gottesschleife. Von religiöser Sehnsucht in der Moderne, Freiburg 2014) gehen von der nominalistischen Annahme aus, Gott könne sich entschließen, lieb zu sein oder nicht, diese oder eine andere oder gar keine Schöpfung zu schaffen. Deshalb erklären sie ihn auch für die Folgen verunglückterr Naturprozesse und pervertierter Freiheit verantwortlich. Gleichzeitig sprechen sie von dem glaubwürdigen Gott, der in Christus sichtbar wird, der sich freiwillig selbst den Folgen verunglückter Natur und pervertierter Freiheit aussetzt. Auf der einen Seite der böse Schöpfer; auf der anderen der gute Erlöser Marcion lässt grüßen.

5 Fuchs, Der zerrissene Gott, 189.

6 Magnus Striet begründet seine Abweisung der biblisch reich belegbaren These vom Sühnetod Christi um unserer Sünden willen mit Argumenten, die den Versuch, die traditionelle Formel im gegenwärtigen Diskurs der Theologie zu bewähren, scheitern lassen. Er bemerkt: "Die von mir beanspruchten Gründe konzentrieren sich darauf, dass Gott um das Risiko seiner Schöpfung gewusst haben muss, so dass ich schließe, dass er als der offenbar gewordene unbedingt treue Gott bereits im Anfang entschieden war, Mensch zu werden, sich in allem uns gleich zu machen und das mit dem Menschen zu teilen, was Menschsein bedingt und ausmacht: die Freude, die Lust am Leben, aber eben auch das Unterworfensein unter die Logik der Tödlichkeit des Lebens. Was er dem Menschen, auf den er in seinem Schöpfungswillen gehofft hatte, zumutete, wollte er auch sich zumuten. Und er wollte sich vor allem offenbar machen. Damit Menschen bereits jetzt von ihm her zu leben beginnen können, sich in ihrer Lust am Leben nicht zermürben lassen von der Abgründigkeit, die dem Leben eingeschrieben ist." (In der Gottesschleife,155f).

Karl-Heinz MenkeDas unterscheidend Christliche Beiträge zur Bestimmung seiner Einzigkeit

Erscheinungsjahr: 2015, Verlag Friedrich Pustet
ISBN 978-3-791- 77066-6

Karl-Heinz Menke hat sich in verschiedenen Studien eingehend mit den theologiegeschichtlichen Antwortversuchen auf die Frage nach Wesen und Fundament des Christentums befasst. Im Kontext von Pluralistischer Religionstheologie und Komparativer Theologie versucht er darüber hinaus positiv zu erklären, worin die Einzigkeit des Christentums besteht; warum ein Christentum, welches Christus wirklich verstanden hat, von vornherein immun ist gegen jede Form von Gewalt, Absolutismus oder Zwang; und warum der missionarische Wunsch, alle Menschen dieser Erde mögen Christen werden, durchaus vereinbar ist mit unbedingtem Respekt gegenüber jedem Nichtchristen.

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