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Prof. Dr. Karl-Heinz Menke ist Lehrstuhlinhaber für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn

 

Vortrag I
DER WAHRE DORNBUSCH oder: DAS  KREUZ  ALS  OFFENBARKEIT  DES  TRINITARISCHEN  GOTTES

Karl-Heinz Menke

Zuerst und zunächst ist das Kreuz ein furchtbares Werkzeug der Hinrichtung von Menschen durch Menschen. Das gilt auch für das Kreuz von Golgotha. Aber das Christentum sagt von dem Kreuz, durch das Jesus Christus hingerichtet wurde, ungleich mehr. Denn es betrachtet dieses Kreuz nicht aus der Perspektive der Hinrichtenden, sondern aus der Sicht des Hingerichteten – in der Überzeugung, dass er nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt des Golgotha-Geschehens war. Denn er war nicht nur der Ausgelieferte, Angenagelte, Ohnmächtige, sondern gerade als solcher die Selbstoffenbarung des Gottes, den er "Abba" nannte.

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, Kreuzwegandachten daraufhin zu befragen, ob sie von der Offenbarkeit Gottes in den vierzehn Stationen des Passionsweges sprechen. Das Ergebnis war ernüchternd: Anthropozentrik statt Theologie. Entweder werden alle Leiden der den Kreuzweg Jesu betrachtenden Gläubigen auf Jesus projiziert (Solidarität mit dem Leidenden). Oder es geht in den Betrachtungen der vierzehn Stationen um die Anklage der  Mächtigen durch die Ohnmächtigen (Politisierung des Kreuzes). 

Papst Benedikt schreibt in seinem Jesus-Buch:"Das Kreuz ist die wahre 'Höhe’. Es ist die Höhe der Liebe 'bis zum Ende’ (Joh 13,1); am Kreuz ist Jesus auf der 'Höhe’ Gottes, der die Liebe ist. Dort kann man ihn 'erkennen’, kann erkennen, dass 'ich es bin’. Der brennende Dornbusch ist das Kreuz. Der höchste Offenbarungsanspruch, das 'Ich bin es’ und das Kreuz Jesu sind untrennbar."1

            Im Anschluss an dieses Zitat möchte ich in einem ersten Schritt die These begründen: Alle Bilder, die Menschen sich von Gott gemacht haben, werden auf  Golgotha durchkreuzt; sogar die Bilder, die Jesus sich von seinem Abba gemacht hat; aber Gott ist nicht der Fluchtpunkt dieser Negationen, sondern da, wo Jesus alles, auch sein letztes Bild vom Vater loslässt, ist er selbst die Offenbarung des Vaters, der seinen Sohn auf eine Weise loslässt, wie sie radikaler nicht gedacht werden kann.
Der Begriff 'Offenbarung' ist  - nicht zuletzt im Kontext der Pluralistischen Religionstheologie (PRT) - so inflationär entwertet worden, dass er zum Inbegriff des kleinsten gemeinsamen Nenners aller Religionen wurde. Man kann auch von einer anthropozentrisch gewendeten Bedeutungsverlagerung sprechen, wenn man bei dem Wort 'Offenbarung' nicht an ein Handeln Gottes, sondern an ein Erlebnis des Menschen denkt, dem sich irgendwie Sinn erschließt.

Viele haben sich so sehr an die religionsgeschichtliche Relativierung der christlichen Rede von Offenbarung gewöhnt, dass die Einzigkeit Jesu Christi kaum noch bewusst ist, geschweige denn eingesehen wird. Das Kreuz Jesu Christi aber ist kein Zeichen, das man austauschen kann. Denn es steht für ein unwiederholbares Ereignis. Es ist nicht bloße Symbolisierung eines Begriffs oder einer Erkenntnis.

 Jede Theologie des Kreuzes, die den universalen Einzigkeitsanspruch des  Golgothageschehens nicht begründet, tut den zweiten Schritt vor dem ersten. Angesichts der religionstheologischen und philosophischen Relativierung der Einzigkeit Christi muss der dogmatischen Analyse eine fundamentaltheologische Betrachtung vorausgehen. ...

 

© Prof. Dr. Karl-Heinz Menke

1Joseph Ratzinger / Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Bd. I.Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg 2007, 401.

 

 

Karl-Heinz MenkeDas unterscheidend Christliche Beiträge zur Bestimmung seiner Einzigkeit

Erscheinungsjahr: 2015, Verlag Friedrich Pustet
ISBN 978-3-791- 77066-6

Karl-Heinz Menke hat sich in verschiedenen Studien eingehend mit den theologiegeschichtlichen Antwortversuchen auf die Frage nach Wesen und Fundament des Christentums befasst. Im Kontext von Pluralistischer Religionstheologie und Komparativer Theologie versucht er darüber hinaus positiv zu erklären, worin die Einzigkeit des Christentums besteht; warum ein Christentum, welches Christus wirklich verstanden hat, von vornherein immun ist gegen jede Form von Gewalt, Absolutismus oder Zwang; und warum der missionarische Wunsch, alle Menschen dieser Erde mögen Christen werden, durchaus vereinbar ist mit unbedingtem Respekt gegenüber jedem Nichtchristen.

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