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Foto: ©Michael Hofmann

" Genau wie Paulus sind wir alle noch heute dazu aufgerufen, Träger versöhnter Verschiedenheit zu sein, um für unsere Zeit den so schwie-
rigen Übergang vom Multi-
kulturalismus zur Interkulturalität möglich zu machen, die Communio der Verschiedenheiten bedeutet."

Homilie von Bischof Barthélemy Adoukonou beim Treffen der Schülerkreise am Samstag 01.09.2012

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Wenn wir die erste Lesung meditieren, sehen wir ganz klar, dass Paulus von seiner Erfahrung auf dem Areopag ausgeht, wo er ganz deutlich von der Weisheit menschlicher Sprache ausgeht, bevor er zur zentralen Botschaft von Kreuz und Auferstehung kommt. Sein schmerzhaftes Scheitern lässt ihn jetzt den Korinthern, die er auf sehr direkte Weise  evangelisiert hat, sagen: "Da die Welt mit ihrer Weisheit nicht in der Lage war, Gott in den Werken seiner Weisheit anzuerkennen, hat es ihm gefallen, die Glaubenden durch die Torheit der Proklamation des Evangeliums zu retten."

Ich möchte Ihnen deutlich sagen: Wenn etwas mich zusammen mit Ihnen in die Schule Ratzingers geführt und dort gehalten hat, so ist es die Klarheit, mit der unser gemeinsamer Meister – obwohl er in der akademischen Welt lehrte – eine Welt, die ihre eigene philosophische Rhetorik hat – in seinem theologischen Diskurs dauernd auf Christus und auf Christus, den Gekreuzigten hin zentriert blieb und dies in jeder Zeile spüren lässt. In der Tat kreist bei ihm alles um diese Mitte.

Es ist jener Jesus, der Gekreuzigte, den Ihre Missionare uns verkündigt und an den wir geglaubt haben. Als ich zur Theologie erwacht bin, war ich wie verloren in einem Urwald von philosophischen und theologischen Debatten, die mir den Blick auf den Gekreuzigten verstellten. Ich weiß als Erzieher künftiger Priester auf verschiedenen Ebenen über ein Vierteljahrhundert hinweg, dass eine Menge von Jungen in einem gleichen  Dickicht verloren zu gehen drohen. Unser Professor hatte die ganze Zeit hindurch die Kunst eines klaren Diskurses und zugleich die Kunst, zum fundamentalen Erspüren dessen hinzu zu führen, was aus der Begegnung mit dem gekreuzigten Messias herkommt, der Macht und Weisheit Gottes ist.

Der Bischof ist ein Zeuge Christi, ein Nachfolger der Apostel,  dessen Auftrag gerade darin liegt, das Mysterium der Erlösung allen Menschen, allen Nationen und allen Kulturen zu verkünden. Sie verstehen jetzt, warum ich mich über alles Maß davon erfüllt fühle, ihnen, dem Schülerkreis zum ersten Mal als Bischof den Kern der Heilsbotschaft zu verkünden. Ja, der gekreuzigte Messias, Skandal für die Juden und Torheit für die Weisheitssucher, ist Macht Gottes und Weisheit Gottes.

Paulus war ein heftiger Verteidiger der israelitischen Identität gegen den Paganismus der hellenistischen Kultur, die das römische Reich benützt hatte, um die Verschiedenheit der Völker zu einigen, die es sich militärisch und politisch unterworfen hatte. Der Brief an die Epheser bezeugt die totale Verschlossenheit der israelitischen Identität kraft einer symbolischen Mauer des Getrenntseins von den Heiden. Mit der sogenannten Sekte der Nazoräer schien das Heidentum eine Bresche in das Judentum geschlagen zu haben und es von innen her aufzulösen. Die israelitische Identität von Paulus hat sich damit zu einer mörderischen Identität gemacht, indem er die Verfolgung der Kirche zu einem eigenen Auftrag gemacht hat. In dem Brief an die Epheser hat er den gekreuzigten und auferstandenen Messias, der ihn vom Pferd geworfen hatte, als denjenigen gezeigt, der die Mauern des Getrenntseins niedergerissen hat, der in seinem Leib den Hass getötet und in sich einen einzigen neuen Menschen aufgerichtet hat. Es gibt seitdem weder Juden noch Heiden, weder Sklaven noch Freien, weder arm noch reich, weder Mann noch Frau, und ich füge hinzu: weder weiß noch schwarz. Alle sind wir nur noch ein einziger neuer Mensch.

Ich erinnere mich, wie wenn es gestern gewesen wäre: Als ich Anfang der siebziger Jahre in die Schule von Ratzinger kam und einen von Joseph Ratzinger geschriebenen Text der Theologenkommission über Einheit und Verschiedenheit las, erlebte ich als etwas, was ganz neu und anziehend für mich war. Wenn die gekreuzigte Liebe die Einheit schafft, dann werden die Verschiedenheiten zum Potential der Communio.

Genau wie Paulus sind wir alle noch heute dazu aufgerufen, Träger versöhnter Verschiedenheit zu sein, um für unsere Zeit den so schwierigen Übergang vom Multikulturalismus zur Interkulturalität möglich zu machen, die Communio der Verschiedenheiten bedeutet.

Brüder und Schwestern, am Vorabend der Synode für die Neuevangelisierung und der Eröffnung des Jahres des Glaubens möchte ich Sie gerne dazu einladen, für die Neuevangelisierung Europas zu beten, aber auch für die Neuevangelisierung Afrikas, Asiens und der übrigen Welt. Europa hat eine Neuevangelisierung nötig wegen der Apostasie vom Glauben, Afrika wegen des Dramas von Ruanda, das das Ausbleiben einer echten Versöhnung bezeichnet, die die Taufe bewirken sollte – ein Drama, das sich abspielte, obwohl über 80 Prozent der Bevölkerung Getaufte waren, und ein Drama, das auch andere Länder Afrikas bedroht  wegen des Hasses zwischen den Ethnien. Asien hat auch eine Neuevangelisierung nötig, die vom Mysterium des gekreuzigten Messias ausgeht, an das Gandhi anscheinend geglaubt hat, obwohl er die Zugehörigkeit zur Kirche abgewiesen hat, weil er die Kirche eines westlichen kulturellen Imperialismus verdächtigte. Wir alle haben eine neue Evangelisierung nötig, weil es nicht so sicher ist, dass wir ein für alle Mal die Mauern des Getrenntseins abgerissen und dass wir den Hass in unserem Leib auf immer getötet haben.

Um die heilige Kommunion so zu empfangen, wie es sich gehört, müssen wir uns fragen, ob wir würdig sind, nämlich, ob in der Tat der Glaube an den gekreuzigten Messias, Macht und Weisheit Gottes, uns dazu geführt hat, alle Mauern des Getrenntseins niederzureißen und alle Arten des Hasses in unserem Leben auszutilgen. Möge die Kommunion, die wir bald empfangen werden, unseren theologischen Dienst wahrhaftig erneuern, den jeder nach seinen Fähigkeiten der Kirche leistet, um ihr zu helfen, Familie Gottes und brüderlicher Leib Christi zu werden. Beten Sie auch für mich, dass mein Bischofsamt dazu beiträgt, der Kirche zu helfen, ein Volk zu sein, das Zeuge des gekreuzigten Messias, des Erlösers aller Menschen ist: der Menschen aller Rassen, Sprachen, Nationen und aller Perioden der Geschichte. Amen.

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BUCHEMPFEHLUNG

 Papst Benedikt XVI. und sein Schülerkreis, Kurt Kardinal Koch (Hg.)Das Zweite Vatikanische Konzil  Die Hermeneutik der Reform
Erscheinungsjahr: 2012,
Sankt Ulrich Verlag
ISBN 978-3-86744-175-9 
Zum Buch

Michaela Christine Hastetter, Helmut Hoping (Hg.)Ein hörendes Herz Hinführung zur Theologie und Spiritualität von Joseph Ratzinger / Papst Benedikt XVI.
Band 5 (RaSt 5) ist unter ISBN 978-3-791-72471-3 lieferbar. Zum Buch

 

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