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Foto: Manuel Wluka

 

"Wir müssten froh sein darüber,
dass wir in dem Gewirr der Welt,
in der Ausweglosigkeit der Philosophie und der religiösen Theorien und Meinungen, das Gesicht Gottes sehen dürfen in Christus. Dass er sich uns bekannt gemacht hat, und wir ihn kennen, dass wir wissen, was Gottes Wille ist, und so wissen, wie zu leben ist."
Papst Benedikt

Predigt Benedikt XVI. bei unserer gemeinsamen Messfeier
in Castelgandolfo am 30. August 2009

In jener Zeit hielten sich die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben, wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Dann rief Jesus die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage: Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein. (Mk 7,1-8.14-15.21-23)

Herausgegeben vom Schülerkreis
Redaktion: Vinzenz Pfnür
Das Werk
Josef Ratzinger/Papst Benedikt XVI., Die Gesamtbibliografie. Schriften, Reden, Aufsätze
Erscheinungsjahr: 2009,
Verlag Sankt Ulrich
ISBN 978-3-86744-002-8

Zum Buch

Liebe Brüder und Schwestern!
In dem Evangelium begegnet uns eines der Grundthemen der religiösen Geschichte der Menschheit, die Frage der Reinheit des Menschen vor Gott, wo der Mensch Gottes ansichtig wird, Gottes gewahr zu werden beginnt, da erkennt er auch, dass er verschmutzt ist, dass er sich in einem Zustand befindet, in dem er zu dem Heiligen nicht hinzutreten kann. Und so steht die Frage auf, wie er rein werden kann, wie er sich vor dem Schmutz hüten oder sich von ihm befreien kann und Weisen der Reinigung, Reinheitsriten und –formen entstehen. Da hat es hier mit Formen zu tun, die in der jüdischen Überlieferung wurzeln, aber doch in einer ganz einseitigen Weise gehandhabt werden, sodass sie zu sehr seinen Sinn, seinen hygienischen Sinn z. B. in sich haben möchten, doch nicht zur Reinigung des Menschen vor Gott, zu Öffnung für ihn hin werden, sondern im Gegenteil ein autonomes System von Verrichtungen wird, das Spezialisten erfordert, das zu einem Gefängnis, zu einer Mauer gegen Gott wird, zu ihm hin nicht öffnet, sondern den Menschen ganz in sich selbst hinein verschließt, ihn nicht zu Gott hinführt, sondern zum Spezialisten macht, der sich selber gerecht fühlt, aber sich von Gott entfernt. Die liberale Exegese sagt, dass in diesem Evangelium zum Vorschein komme, wie der Herr die kultische Reinheit durch die Moral ersetzt, Kult mit all seinen vergeblichen Verrichtungen beiseite schiebt, und dass das wesentliche im Menschen vor Gott die Moral heraushebt. Wenn es so wäre, dann würde das heißen, dass Christentum Moralität ist, dass wir selber uns als moralischen Menschen zu Guten, zu Reinen machen. Und dann merken wir, dass dies doch nicht die ganze Antwort sein kann. Wenn wir die Botschaft des Herrn hören wollen, wie er uns zu Gott hin führt, und wie Gott durch ihn auf uns zugeht, dann müssen wir dem Herrn ganz zuhören, nicht einen Ausschnitt, in dem etwas so Wichtiges zum Vorschein kommt, sondern seine ganze Botschaft, die Evangelien ganz lesen, das Neue Testament und das Alte Testament in einander. Die erste Lesung dieses Tages ist ein Ausschnitt einer Antwort und führt uns ein Stück weiter. Da hören wir das Erstaunliche, dass Israel stolz sein darf, dankbar, mit dankbarem, demütigem Stolz, dass es den Willen Gottes kennt, dass es weise ist. Die Weisheit, nach der die Menschheit gerade in jeder Periode gesucht hat, sei es im griechischen, sei es im semitischen Raum, das Verstehen dessen worauf es ankommt, die Erkenntnis des Wesentlichen, wozu wir da sind und wie wir leben müssen, damit das Leben recht wird. Die Weisheit ist mit der Thora identisch, mit dem Worte Gottes, das uns aufdeckt, was wesentlich ist, wozu wir leben und wohin wir leben sollen. Uns ist Israel geschenkt worden, das Gesetz erscheint nicht als eine Knechtschaft, sondern ähnlich wie in dem großen Psalm 119 ist es Ursache einer großen Freude. Wir tasten nicht mehr im Dunkeln, wir suchen nicht mehr herum, was das Rechte sein könnte, wir sind nicht mehr wie Schafe einer Herde, die nicht wissen, wohin gehen und was der eigentliche Weg ist, Gott hat sich gezeigt. Er selbst zeigt uns den Weg, wir kennen seinen Willen, und damit die Wahrheit, die rechte Weisheit. So wird zweierlei von Gott gesagt: zum Einen, dass er uns sich zeigt, uns Weisheit schenkt, die wahre Erkenntnis, worum es geht, und wie zu leben, und dass er der nahe Gott ist, der uns zuhört, dem wir uns nähern können. In alle dem ist etwas von Weisheit auch etwas von Reinheit gesagt, denn die Weisheit ist etwas, was den Menschen Gott-fähig macht, die ihn reinigt von dem, was Gott entgegensteht. Und sie kommt von Gott selber her. Sie wird nicht von uns erfunden, sie kann uns nur als Gabe geschenkt werden. Wenn wir diese Freude Israels, Gottes Gebot zu kennen, in unsere Zeit hereinstellen, wirkt es ganz merkwürdig: Welcher Katholik würde sozusagen sich freuen wollen, stolz darüber sein, dass Gott sich uns gezeigt, sein Gesicht gezeigt hat, seine Weisheit im Gekreuzigten seine endgültige Form annimmt gegenüber der Torheit, die sich für Weisheit hält? Wir meinen, dies sei Thriumphalismus, und so dürfen wir nicht denken, denn es ist nicht Thriumphalismus, sondern es ist demütige Dankbarkeit, dass uns geschenkt wird, was wir aus Eigenem nicht finden und nicht wirken können. Ich glaube, diese Freude müsste in uns wieder neu aufsteigen, wir müssten froh sein darüber, dass wir in dem Gewirr der Welt, in der Ausweglosigkeit der Philosophie und der religiösen Theorien und Meinungen, das Gesicht Gottes sehen dürfen in Christus. Dass er sich uns bekannt gemacht hat, und wir ihn kennen, dass wir wissen, was Gottes Wille ist, und so wissen, wie zu leben ist. Nur wenn dieses Wissen in uns Freude wird, Dankbarkeit für die Gabe, die wir nicht schaffen konnten, sondern uns geschenkt wurde, dann wird Christentum auch wieder missionarisch sein, andere anstecken, wie es in der Lesung heißt, zu fragen zu suchen: Wo kommt das her? Dort ist der Wille Gottes bekannt, die Freude ist es, die anzeigt, dass uns Erkenntnis geschenkt worden ist, Wege zur Reinheit, zur Gottfähigkeit. Dies vertieft sich nicht in der Lesung aus dem Jakobusbrief. Ich liebe den Jakobusbrief vor allem auch deshalb, weil wir darin Einblick in die Frömmigkeit der Familie Jesu gewinnen, Diese Familie war eine observante Familie. Das sehen wir gerade aus dem Jakobusbrief. Observant im Sinn der deuteronomischen Freude an der Nähe Gottes, die uns in seinem Wort und Gebot geschenkt ist, eine ganz andere Art von Observanz als sie uns in den Observanten des Evangeliums begegnet, die daraus ein vermenschlichtes und verknechtendes System gemacht haben, eine andere Art von Observanz als diejenige, die Paulus als Rabbiner gelernt hatte, die auch die Observanz eines Spezialisten war, der alles kannte und alles wusste, und der einerseits stolz sein konnte auf sein Wissen, nicht mehr auf das Geschenktsein von Gott, und zugleich Knecht der Verrichtungen war, die auf ihm lagen, für den das Gesetz nicht mehr freudige Führung zu Gott ist, sondern Last des eigenen Tuns, die kaum getragen werden kann. Im Jakobusbrief finden wir diese Observanz, die freudig im Gesetz Gottes die Gabe seiner Nähe erkennt, die Güte seines Angesichts, die Nähe seines uns Hörens und seines Mit-uns-Seins. Und so fällt in dem Jakobusbrief das Wort von dem vollkommenen Gesetz der Freiheit. Für ihn ist Gesetz nicht Vergewaltigung, die uns etwas von außen her auferlegt, so als bedeute das, was der Herr im Johannes-Evangelium zu den Jüngern sagt „Ich habe euch alles kund getan, ich habe euch nichts vorenthalten, und darum seid ihr nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Wem alles eröffnet ist, der gehört zur Familie, der ist nicht mehr Knecht, der ist ein Freier, weil er selber zum Hause gehört. Und dies ist geschehen, schon ein gut Stück weit in Israel, am Sinai. Dies ist endgültig und groß geschehen im Abendmahlsaal, in dem Wirken, Leben, Leiden und Aufstehen Jesu. Er hat sich uns selbst gezeigt. Wir sind nicht mehr Knechte, sondern Freunde. Das Gesetz ist nicht etwas, was uns von außen gegenübersteht, sondern es ist die Berührung mit der Freundschaft Gottes, das Hineingenommenwerden in die Familie, das heißt die Zugehörigkeit zu den Freiheit, die uns recht, die uns vollkommen macht. Und da spricht auch Jakobus davon, dass der Herr durch sein Wort uns gezeugt hat, dass er sein Wort als Kraft des Lebens in uns hineingesenkt hat.
Und so fällt dann auch der Begriff der „reinen Religion“, die in der Liebe zum Nächsten besteht, besonders zu den Waisen, zu den Witwen, zu denen, die dies am meisten bedürfen, und in der Freiheit gegenüber den Moden dieser Welt, die uns verschmutzen. Das Gesetz ist nicht mehr Widerspruch zur Freiheit, es ist Wort der Liebe geworden, Samen in uns hineingesät, der uns verwandelt und erneuert und in der Freundschaft mit Gott verankert. In der Abschiedsreden der Weinstockrede sagt Jesus zu den Jüngern: ihr seid rein durch mein Wort, das ich zu euch gesprochen habe. Und ähnlich im Hohepriesterlichen Gebet: da gebraucht er den Ausdruck „Heiligen“, der aber der Reinigung entspricht: Ihr seid geheiligt in der Wahrheit. Nun finden wir die rechte Abfolge: Nicht wir schaffen das Gute. Das wäre bloßer Moralismus. Sondern die Wahrheit geht auf uns zu, sein Wort geht auf uns zu, dieses Wort reinigt uns, und in der Kraft solcher Reinigung werden wir selbst rein und handeln als Reine. Die Wahrheit reinigt uns und die Wahrheit ist er selbst. Die Wahrheit ist Person. Reinheit ist ein dialogisches Ereignis. Sie beginnt damit, dass Er auf uns zugeht, Er der die Wahrheit und die Liebe ist, dass er uns in die Hand nimmt, dass er in uns eindringt. Und in dem Maß, in dem wir uns von ihm berühren lassen, in dem Dialog Freundschaft und Liebe wird, in dem innerste Einheit entsteht, ein Leib und ein Geist – sagt der neue Kanon von der Schrift her – werden wir selbst Reine, aus seiner Reinheit heraus und daher Mithandelnde, Mitliebende mit ihm. Augustinus hat das in das schöne Wort zusammengefasst: Da quod iubes et iube quod vis – gib, was du befiehlst und dann befiehl was du willst. Diese Bitte wollen wir in dieser Stunde vor den Herrn hintragen, ihn bitten: Ja – reinige uns in der Wahrheit, sei du die Wahrheit, die uns rein macht, lass uns durch die Freundschaft mit Dir frei und so wahrhaft Kinder Gottes, fähig werden an deinem Tisch zu sein, und das Licht deiner Reinheit und Güte in dieser Welt auszubreiten. Amen.
 

 

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